12. Wall der Stadt Göttingen

Stammbuchblatt: Entbindungs-Haus zu Göttingen, Ernst Ludwig Riepenhausen, um 1821

Spaziergänger auf dem Wall um die Stadt, dahinter die Rückseite des Accouchir-Hospitals (an der heutigen Hospitalstraße), das zu Lichtenbergs Lebzeiten errichtet wurde.

Nach meinem ehmaligen Garten hin [vgl. Gartenhaus 1779 - 1782], ist eine gantze neue Straße entstanden, und beym Geißmar Thore entsteht jezt ein Accouchir=Hospital, das fast, fast für uns und die Huren zu prächtig ist.
(Bw 3, 1516)

Maria Dorothea Stechard, Lichtenbergs große Liebe von 1777 bis zu ihrem Tod 1782. In einem Trauerbrief an G.H. Amelung beschreibt er, wie er sich in sie verliebte, als hätte ihn der Blitz getroffen:

"Ich habe vorigen Sommer, bald nach Ihrem lezten Brief, den grösten Verlust erlitten, den ich in meinem Leben erlitten habe. ... Ich lernte im Jahr 1777 (die sieben taugen wahrlich nicht) ein Mädchen kennen, eine Bürgers Tochter aus hiesiger Stadt, sie war damals etwas über 13 Jahr alt; Ein solches Muster von Schönheit und Sanfftmuth hatte ich meinem Leben noch nicht gesehen, ob ich gleich viel gesehen habe. Das erste mal, da ich sie sah, befand sie sich in einer Gesellschafft von 5 bis 6 andern, die wie die Kinder hier thun, auf dem Wall den vorbeygehenden Blumen verkaufen. Sie bot mir einen Strauß an, den ich kaufte. Ich hatte 3 Engländer bey mir, die bey mir aßen und wohnten. God almighty, sagte der eine, what a handsome girl this is. Ich hatte das ebenfalls bemerckt, und da ich wußte was für ein Sodom unser Nest ist, so dachte ich ernstlich dieses vortreffliche Geschöpf von einem solchen Handel abzuziehn. Ich sprach sie endlich allein, und bat sie mich im Hause zu besuchen; sie gienge keinem Purschen auf die Stube sagte sie. Wie sie aber hörte, daß ich ein Professor wäre, kam sie an einem Nachmittage mit Ihrer Mutter zu mir. Mit einem Wort, sie gab den Blumenhandel auf, und war den gantzen Tag bey mir. Hier fand ich, daß in dem vortrrefflichen Leib eine Seele wohnte, grade so wie ich sie längst gesucht aber nie gefunden hatte. Ich unterrichtete sie im Schreiben und rechnen, und in andern Kenntnissen, die ohne eine empfindsame Geckin aus Ihr zu machen, ihren Verstand immer mehr entwickelten. Mein physikalischer Apparat, der mich über 1500 Thaler kostet, reizte sie anfangs durch seinen Glantz und endlich wurde der Gebrauch davon Ihre eintzige Unterhaltung. Nun war unsre Bekanntschafft aufs Höchste gestiegen. Sie gieng spät weg, und kam mit dem Tage wieder, und den gantzen Tag über war ihre Sorge meine Sachen, von der Halsbinde an bis zur Lufftpumpe, in Ordnung zu halten, und das mit einer so himmlischen Sanfftmuth deren Möglichkeit ich mir vorher nicht gedacht hatte. Die Folge war, was Sie schon muthmasen werden, sie blieb von Ostern 1780 an gantz bey mir. Ihre Neigung zu dieser Lebensart war so unbändig, daß sie nicht einmal die Treppe hinunterkam, als wenn sie in die Kirche und zum Abendmahl gieng. Sie war nicht wegzubringen. Wir waren beständig beysammen. Wenn sie in der Kirche war, so war es mir, als hätte ich meine Augen und alle meine Sinnen weggeschickt. - Mit einem Wort - sie war ohne priesterliche Einsegnung (verzeyhen Sie mir, bester, liebster Mann, diesen Ausdruck) meine Frau. Indessen konnte ich diesen Engel, der eine solche Verbindung eingegangen war, nicht ohne die gröste Rührung ansehn. Daß sie mir alles aufgeopterte hatte, ohne vielleicht gantz die Wichtigkeit davon zu fühlen, war mir unerträglich. Ich nahm sie also mit an Tisch, wenn Freunde bey mir speißten, und gab ihr durchaus die Kleidung, die Ihre Lage erforderte, und liebte sie mit jedem Tage mehr. Meine ernstliche Absicht war mich mit ihr auch vor der Welt zu verbinden, woran sie nun nach und nach mich zuweilen zu erinnern anfieng. O du groser Gott! Und dieses himmlische Mädchen ist mir am 4ten August 1782. Abends mit Sonn=Untergang gestorben. Ich hatte die besten Aerzte, alles, alles in der Welt ist gethan worden. Bedencken Sie liebster Mann, und erlauben Sie mir daß ich hier schließe. Es ist mir unmöglich fortzufahren GCLichtenberg"

(Bw 2, 998)


In Reden der Studenten wurde Lichtenberg zu einem "Starken August": "Er macht ein Kind nach dem andern mit gesunden und hübschen Frauenzimmern, und als ihm die Hannoversche Regierung deshalb einen Vorwurf machte, so entschuldigte er sich damit, daß er viel zu häßlich wäre, als daß ihn eine Frau lieben, geschweige treu bleiben könnte."

W. Promies, rowohlt-monographie Lichtenberg, Reinbek 1964, S. 131



[Fenster schliessen]